Thursday, November 07, 2019

DIE MUSIK DES „SACRE“ STELLT ETWAS NOCH NIE DAGEWESENES DAR

Foto: Sakher Almomen

Markus Poschner, Chefdirigent des Bruckner Orchesters Linz im Gespräch mit Tanzdramaturg Thorsten Teubl

Was muss eine musikalische Deutung von Le Sacre du printemps heutzutage?
Dazu möchte ich gleich Strawinsky zitieren, der sinngemäß sagte: „Ich möchte, dass meine Musik nicht interpretiert, sondern ausgeführt wird“. Das ist ein starker Satz und entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie, denn wenn man Strawinskys eigene Aufnahmen anhört, stellt man fest, dass er sich meist selbst über alle seine eigenen Anweisungen hinweggesetzt hat. Soviel zum Thema „Werktreue“. Die Partituren sind übersät von musikalischen Hinweisen zu Tempo, Artikulation usw. – man hat manchmal den Eindruck, das schnürt einem die Luft ab. Das ist wie bei Gustav Mahler, der Dirigent und Komponist war und den Leuten genau hineinschreibt, was sie zu tun haben, bis hin zu den Bogenstrichen – es bleibt wirklich kaum eine Frage offen. Aber gleichzeitig ist es auch die wichtigste Inspirationsquelle und Landkarte hin zum Kunstwerk für uns Dirigent*innen. Die Musik von Le Sacre du printemps stellt etwas noch nie Dagewesenes dar, sie klingt auf der einen Seite nach Maschinenraum, auf der anderen nach tief empfundener Volksmusik.

Le Sacre du printemps war bei der Uraufführung ein riesiger Skandal. Die Frage ist, warum?
Ich glaube, es ist ein Missverständnis, dass die Musik, so radikal sie sicherlich ist, allein der Stein des Anstoßes war. Vor allem die neuartige Choreografie von Nijinsky, der alles, was den Parisern lieb und wichtig war, zertrümmert hat, von sackartigen Kostümen bis Stampfen und Hüpfen auf dem nackten Bühnenboden, spaltete das Publikum. Es war wirklich das krasseste Gegenteil von französischem Tutu-Ballett. 

Vielleicht ein kalkulierter Skandal?
Natürlich bricht auch die Musik mit Althergebrachtem und forciert eine gewisse Künstlichkeit, nahe am Lärm – er sprengt die Grenzen der bis dahin wahrgenommenen Musik, was allerdings auch schon andere vor ihm gemacht haben, z. B. Schönberg auf dem Gebiet der Harmonie. Die Zeit war reif für großes Experimentieren.

Foto: Sakher Almomen

Sind die Metamorphosen für Strauss ein persönlicher Abschied, vielleicht der Rückblick
auf den Holocaust oder „nur“ der Abschied vom Abendland allgemein?
Es ist schon auch ein wenig das Selbstverständnis von Richard Strauss gewesen, dass mit seinem eigenen Ende, seinem Tod, auch das Abendland endet. Er verstand sich durchaus als das Alpha und Omega seiner Zeit – auch zurecht, man kann seine Bedeutung für die Musik (Oper und Konzert) nicht hoch genug einschätzen, das ist überhaupt keine Frage. Er war durch und durch ein Kind des 19. Jahrhunderts, mit all seinen Ausformungen, seinem Werkverständnis, mit all seinen Strömungen und Utopien, die Wagner begonnen hat auszuformulieren und Strauss weiterentwickelt hat.

Wie bereitet man sich als Dirigent auf das Dirigat von Le Sacre du printemps vor? Was lesen Sie?
Man hat mit dem Notentext allein schon genug zu tun (lacht). So viel Sekundärliteratur ist da gar nicht mehr notwendig. Das Stück ist sehr anspruchsvoll – nicht nur für den Dirigenten, sondern auch für die Spieler*innen und Tänzer*innen – es ist ein unglaublicher Sound, den man produzieren muss, davor habe ich ziemlichen Respekt, um ehrlich zu sein, auch ein gewisses Magengrummeln. Wir spielen das Stück im Orchestergraben sitzend, was für das Orchester den größten denkbaren Stress bedeutet – ein Konzertsaal bietet, im Gegensatz zum mit Wänden begrenzten Orchestergraben, Platz für die Klangmassen. Neben den technischen Herausforderungen ist wichtig, die richtige Balance zu finden, nicht nur bezüglich der Klangqualität der einzelnen Register, sondern vor allem wegen des starken vertikalen Komponierens von Strawinsky, diese „krasse“ rhythmische Verschränkung, dieses Verlagern von Schwerpunkten, gegen Taktstriche, gegen die eigene Orientierung zu arbeiten, was sich nahezu körperlich zeigt, das äußert sich wie Herzrhythmusstörungen. Die Schwierigkeit liegt darin, nicht die Linie zu verlieren und Kontraste zu finden, die über Klangfarben zu kriegen sind. 

Angenommen, Sie hätten die Gelegenheit, mit Nijinsky und Strawinsky einen Kaffee zu trinken. Welche Fragen würden Sie ihnen stellen?
(lacht) Mir würden so viele einfallen – aber ich wäre mit Sicherheit erst einmal sprachlos. Ich würde irgendwann sicher wissen wollen, warum sie nicht mehr geschrieben, mehr gemacht haben. Man wünscht sich mehr. Ich würde von Strawinsky außerdem wissen wollen, wo seine musikalischen Geheimquellen liegen, er hat nie etwas verraten und er hat ja auch nicht nur zitiert. Ich glaube, dass er ähnlich wie Bartók sehr genau geforscht und hingehört hat. Aber wo genau kommt das Material her, ob aus Westsibirien, wie einige Musikwissenschaftler*innen vermuten – es wäre schön, das Stück ganz genau aufzublättern.

Foto: Sakher Almomen


Mei Hong Lin | Igor Strawinsky | Richard Strauss 

Le Sacre du Printemps | Metamorphosen

Zweiteiliger Tanzabend von Mei Hong Lin
Metamorphosen von Richard Strauss und Le Sacre du printemps von Igor Strawinsky
Spielstätte: Großer Saal Musiktheater



Stückinfo 

Am Vorabend des ersten Weltkrieges wurde ein Werk geboren, das nicht nur den Tanz revolutionierte. Mit Le Sacre du printemps (Das Frühlingsopfer) provozierte Igor Strawinsky einen der größten Skandale der Tanzgeschichte. Legendär ist das Fiasko der Uraufführung und ungebrochen die Faszination, die von diesem inzwischen kanonischen Werk der anbrechenden Moderne ausgeht. In seiner Rückbesinnung auf eine Welt des Primitiven bricht Strawinsky mit den Vorstellungen der Aufklärung. Er konfrontiert uns roh und brutal mit der Behauptung des regenerativen Potenzials, der Verjüngung und Erneuerung einer Gesellschaft durch ein menschliches Opfer. 

Tanzdirektorin und Choreografin Mei Hong Lin wächst seit vielen Jahren einer eigenen Interpretation dieses Meisterwerkes entgegen. In der Spielzeit 2019/2020 stellt sie sich gemeinsam mit Markus Poschner dieser Herausforderung. Richard Strauss’ Metamorphosen ergänzen Strawinskys Ballett und setzen den mit der Spielzeit 2016/2017 begonnenen Zyklus der Werke des Komponisten fort.

Friday, June 14, 2019

WIR VERBINDEN SPIELERISCH!

GEDANKENSPIELEREIEN ZUM SPIELEN


Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt., schreibt Friedrich Schiller in seiner 1795 verfassten Abhandlung mit dem Titel „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Ein Orchester kann gar nicht anders, als zu spielen. Kein Ton würde erklingen. Instrumente werden gespielt, auch wenn es Arbeit ist.


SPIELEN BEFREIT UNS ZU UNS SELBST. 


Kinder spielen von selbst. Ein Baustein genügt, um Städte zu errichten und damit unerhörte Geschichten zu erzählen. Spielen befreit uns zu uns selbst. Das kindliche Spiel ist nicht per se auf Lustgewinn ausgerichtet, es dient der Welterfahrung und ist dabei ein Zustand größter Ernsthaftigkeit. Wir Erwachsenen nennen es später  „Flow“, eine Hingabe an eine Beschäftigung welcher Art auch immer, die uns in den Zustand der Selbstvergessenheit geraten lässt. Wir finden dabei einen absichtslosen Ort puren Menschseins, der keinem Ziel und Zweck unterworfen ist. Wir übersehen die Zeit und die Welt um uns, wenn sie unser Spiel nicht stört. Wobei zwischen Spiel und Spiel ein Unterschied sein kann, aber nicht muss, der im Englischen mit „play“ und „game“ präziser benannt wird. „Game“ bedeutet meist Wettkampf wie etwa beim Tennis- oder Kartenspielen. Auch dabei sind wir nicht davor gefeit, in den spielerischen Fluss der Hingabe zu kommen. Die Skilegende Toni Sailer wurde einmal gefragt, warum er so schnell sei. Seine Antwort war: Da muasst de Schi einfach laffn lossn. Um die Ski einfach laufen lassen zu können, braucht es eine große Meisterschaft. Technische Schwierigkeiten zur Bewältigung einer Piste dürfen nur mehr eine untergeordnete Rolle spielen. Wettbewerb hindert nicht am Spielen.


EIN ORCHESTER KANN GAR NICHT ANDERS, ALS ZU SPIELEN.

Wir müssen unsere Ideen verwirklichen, reden allein hilft nicht: Wir müssen uns selbst aufs Spiel setzen und zeigen, was wir auf die Beine stellen können!, schrieb der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer. Ein Orchester spielt. Reden hilft beim Proben. Musikerinnen und Musiker spielen ihre Instrumente, um ein Werk auf die Beine zu stellen, eine Sinfonie oder eine Oper zu Gehör zu bringen. Dabei werden Ideen eines Werks gemeinsam verwirklicht, was Virtuosität in den instrumentalen Handgriffen und große Spielfähigkeiten im Ausdrucksvermögen jeder einzelnen Musikerin, jedes Musiker verlangt. Dabei ums und fürs Leben spielen, kann die Zeit für uns alle anhalten, für die Spielenden wie die Hörenden.


WAS WIR SPIELEN, IST DAS LEBEN!


Wir spielen das Leben! ist ein Ausspruch, den der Jazztrompeter Louis Armstrong gemacht haben soll. Anders übersetzt: Was wir spielen, ist das Leben! Die Kunst macht es möglich, sie ist ein Erinnerungs- und Erfahrungsort für Vieles und vor allem für den Spielraum des Schöpferischen. Das Bruckner Orchester Linz spielt fast täglich. Schlichtweg errichten wir in Sinfonien von Anton Bruckner, in Musiken anderen Ursprungs früherer Zeiten und der Gegenwart, in musiktheatralischen Aufführungen in unserem Landestheater Erfahrungsräume fürs Menschsein. Wir spielen in unserer Heimat Oberösterreich, mitten im Herzen Europas. Wir spielen in der Welt, für die Welt. Musikerinnen und Musiker aus mehr als 20 Nationen formen dieses vielfältige Orchester, dieses einzigartige Spielkollektiv für uns Menschen. Wir spielen in unserem Landestheater, in unseren Konzertorten wie dem Brucknerhaus, dem Wiener Musikverein, auf dem Land, in Europa und sonst wo. Dafür spielen wir, in höchster Qualität, Spielfreude, Intensität und Dringlichkeit. Frei nach Billie Holiday:


„WE NEVER PLAY A SONG THE SAME WAY TWICE.“ 


Fühlen Sie sich frei und kommen Sie in unseren gemeinsamen Spielraum. Kunst verbindet spielerisch.

Norbert Trawöger
Künstlerischer Direktor des BOL 

http://bruckner-orchester.at/images/download/orchesterbuch_2019_2020.pdf
Hier geht's zum Orchesterbuch 2019.20

Wednesday, April 10, 2019

Seine Musik bleibt uns und wird uns immer wieder zum Lachen bringen!


Foto: Reinhard Winkler

Das Bruckner Orchester Linz, sein Chefdirigent Markus Poschner und sein ehemaliger Chefdirigent Dennis Russell Davies sind vom Tod Balduin Sulzers tief betroffen. Drei Opern, viele Sinfonien und Orchesterwerke hat das Bruckner Orchester uraufführen dürfen. Zuletzt hat das Orchester unter Markus Poschner mit seinem Werk „Quasi una fanfara“ das Brucknerfest 2017 eröffnet. Bei unserer ersten USA Tournee unter Dennis Russell Davies im Jahr 2005 war die „Fünfte“ im Tourgepäck. In seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Musikkritiker hat er tausende unserer Konzerte und Opernaufführungen unverwechselbar beleuchtet. Nicht zu vergessen ist, dass nicht wenige Mitglieder des BOL Schülerinnen und Schüler von Balduin Sulzer waren.


„Ob ein Musikleben in Oberösterreich ohne Balduin Sulzer überhaupt denkbar ist, wird die Zeit erst beweisen müssen. Auf alle Fälle wird es ein völlig anderes. Wir sind unendlich dankbar, ihm vielfältig begegnet zu sein. Seine Musik bleibt uns und wird uns immer wieder zum Lachen bringen!“

Norbert Trawöger
Künstlerischer Direktor Bruckner Orchester Linz

Wednesday, March 13, 2019

Wissenswertes aus dem BOLiversum: Schlagwerk





Fingerzimbeln, Röhrenglocken, Sandpaper Blocks ...
In der 2. Folge "Wissenswertes aus dem BOLiversum" beschäftigen wir uns mit den Schlagwerkinstrumenten.
Christian Enzenhofer und Fabian Homar hatten dieses Mal besondere Unterstützung von Schlagwerkschüler Declyn Lehner!

Thursday, February 28, 2019

DENKT UND FÜHLET!

c_Marietta Tsoukalas
Diese Routine wird sehr geschätzt und oft verlangt; im Musik-„amte“ wird sie beansprucht. Daß Routine in der Musik überhaupt existieren und daß sie überdies zu einer vom Musiker geforderten Bedingung gemacht werden kann, beweist aber wiederum die engen Grenzen unserer Tonkunst. Routine bedeutet: Erlangung und Anwendung weniger Erfahrungen und Kunstgriffe auf alle vorkommenden Fälle. Demnach muß es eine erstaunliche Anzahl verwandter Fälle geben. Nur erträume ich mir gern eine Art Kunstausübung, bei welcher jeder Fall ein neuer, eine Ausnahme wäre! (…) Die Routine wandelt den Tempel der Kunst um in eine Fabrik. Sie zerstört das Schaffen. Denn Schaffen heißt: aus Nichts erzeugen. (…) Man möchte rufen: meidet die Routine, beginnt jedesmal, als ob ihr nie begonnen hättet, wisset nichts, sondern denkt und fühlet! Dazu ruft Ferruccio Busoni in seiner Ästhetik der Tonkunst – ein denkwürdiges Büchlein, das in keinem ordentlichen Haushalt fehlen sollte – vor gut 100 Jahren auf.

Sein monumentales Konzert für Klavier und Orchester mit Männerchor spielte er selbst als Solist mit den Berliner Philharmonikern bei der Uraufführung im Jahre 1904. Die Gattungstradition des Klavierkonzerts überlagert sich mit jener der Sinfonie. Das Klavierkonzert ist für Busonis Schaffen untypisch, sofern man dieses üb
erhaupt zu typisieren vermag. In seinen letzten Jahrzehnten bevorzugte der Komponist, Pianist, Musikdenker, Lehrer von so unterschiedlichen Schülern wie Edgar Varèse und Kurt Weill, gedämpfte Farben und schattige Formen.
Im Gegensatz dazu ist das Konzert ein knalliges, übertriebenes Stück, vollgestopft mit romantischen Hinweisen aus dem 19. Jahrhundert. Es beginnt mit einem Brahms Pasticcio, geht dann weiter zu Beethoven ähnlichen Motiven, Lisztschen Arpeggien in Wagner Orchestrierung, zarten chopinesken Zwischenspielen bis hin zu Crescendi, die man von Rossini zu kennen glaubt. Als ob dies nicht genug wäre, beschäftigt das Finale einen Männerchor, der aus Adam Oehlenschlägers Erlösungsdrama „Alladin“ intoniert, ein Hymnus an Allah. Mahlerianisch ist die Arbeit in fünf Sätzen und dauert weit über eine Stunde. „The Monster Concerto“ wie es Alex Ross nennt, ist ein Ereignis, das es sehr selten zu erleben gibt.

Bei der Uraufführung seiner vierten Sinfonie stand Brahms 1885 in Meiningen selbst am Pult - auch ein seltenes Ereignis. Es war das letzte Wort des Symphonikers Brahms - zehn Jahre vor seinem Tod - Schluss- und Höhepunkt einer Gattung, die ihm so viel Mühe gekostet hat. Man möchte rufen: ein Meisterwerk unter Meisterwerken! 

Denkt, fühlet und vor allem höret!


Norbert Trawöger
leitet die Kommunikation und Dramaturgie des BOL