Tuesday, September 18, 2018

HIMMEL!

von Norbert Trawöger

Markus Poschner, Foto: Volker Weihbold
„Und diese himmlische Länge der Symphonie, wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul, der auch niemals endigen kann, und aus den besten Gründen zwar, um auch den Leser hinterher nachschaffen zu lassen.“, schreibt Robert Schumann über Franz Schuberts Große C-Dur Sinfonie, die nicht nur deswegen ganz groß ist, weil es mit seiner Sechsten schon eine kleinere Sinfonieschwester in der gleichen Tonart gibt. Schumann war jener Mann, der die himmlischen Längen bei Schuberts Bruder Ferdinand aufgespürt und die umjubelte Uraufführung unter Felix Mendelssohn Bartholdy – fast elf Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers – am 21. März 1839 in Leipzig verursacht hat. Ebendort  erklang das große Violinkonzert des Uraufführungsdirigenten der „Großen“ unter der Leitung des dänischen Dirigenten und Komponisten Niels Wilhelm Gade am 13. März 1845 das allererste Mal. Solist war der legendäre Violinvirtuose und Konzertmeister des Gewandhausorchesters Ferdinand David, der sein Versprechen einlöste, das Werk mit solcher Leidenschaft zu spielen, „daß sich die Engel im Himmel freun sollen“.

Zu erzählen gäbe es noch viel, etwa dass Franz Schubert seine Sinfonie im Frühjahr 1825 begonnen und an dieser auch bei Ferdinand Traweger, einem Vorfahren des Verfassers dieser Zeilen, im Sommer dieses Jahres in Gmunden gearbeitet haben soll. Ich will Sie aber nicht länger mit Familiengeschichten langweilen, auf uns warten himmlische Längen und Klänge, die nicht nur Engel freuen …

Norbert Trawöger leitet die Dramaturgie & Kommunikation des BOL 

Tuesday, July 03, 2018

THANK YOU FOR YOUR MUSIC!

Sieben Musikerinnen und Musiker, die das BOL unverwechselbar über Jahrzehnte mitgestaltet haben, gingen im Laufe dieser Saison in Pension. Eine angemessene Würdigung würde den Rahmen dieser Seite sprengen, so sagen wir einfach aus ganzem Herzen: Danke für Eure Klänge!


Die Saison 2018.19

"In der kommenden Saison begeben wir uns auf die Suche nach unseren eigenen Wurzeln. Das meine ich nicht nur im musikalischen Sinne, wir gehen ins Land hinaus. Wir stellen den Begriff Heimat ganz zentral in den Mittelpunkt! Wir, als Orchester sind der absoluten Überzeugung, dass Heimat etwas Einladendes und nichts Ausgrenzendes ist. Das Bruckner Orchester Linz ist das beste Beispiel dafür: Täglich spielen Musikerinnen und Musiker aus über 20 Nationalitäten wie aus einem Atem und das ist jeden Tag ein Stück Heimat, das wir gemeinsam entstehen lassen. Wir wollen dieses Gefühl des Gemeinschaftlichen, was Heimat sicherlich auch ist, hinaus tragen und mit den Menschen in Kontakt und Berührung sein.“
Markus Poschner
Chefdirigent

„Das Bruckner Orchester Linz ist die internationale Visitenkarte des Kulturlandes Oberösterreich und zeitgleich tief in unserem Bundesland verwurzelt. In der neuen Saison wird das Bruckner Orchester Linz zum Oberösterreich-Orchester: Eine eigene Tournee quer durch das ganze Bundesland – frei nach dem Motto ‚raus aus der Stadt, rein ins Land‘ – freut mich als Landeshauptmann ganz besonders.“
Mag. Thomas Stelzer
Landeshauptmann


HEIMAT!

Eine Ermunterung von Norbert Trawöger

Ich weiß nicht, was soll ich bedeuten,
hat der Wiener Komponist, Sänger und Dichter Georg Kreisler Heinrich Heines Lied von Loreley sanft umgedeutet. Gewiss ist uns nur der Tod. Auf die Frage, wer wir sind, gibt es selten eindeutige Antworten. Sich auf eine Reise zu begeben, in Bewegung zu bringen, kann etwas bedeuten, Bedeutung finden lassen. Grenzen kommen ins Spiel, das oft keines mehr ist. Auf Reisen zu gehen, bringt mit sich, diese zu überwinden. Alles Fremde ist im Moment der Berührung gleich gar nicht mehr so fremd wie zuvor. Gemeinsam zu musizieren (in keiner anderen Sprache gibt es ein eigenes Wort für Musik machen), sich in einer Sinfonie, in einer Oper, einem Lied zu treffen, zu verständigen und ein gemeinsames Ereignis zu schaffen, kennt keine Grenzen, Reisepässe oder sonstige Herkunfts- und Aufenthaltsthematiken. Musik ist Heimat, für Spielende und Zuhörende gleichermaßen. Alle Menschen werden vielleicht nicht gleich Schwestern und Brüder, aber eine Sinfonie kann eine Erfahrung sein, dass alles Trennende im puren Menschsein eine Illusion ist. Die Musik macht es menschenmöglich. Faszinierend in diesem Zusammenhang ist es, ein Orchester als funktionierendes Gesellschaftsmodell zu betrachten. Im Bruckner Orchester Linz spielen tagtäglich Menschen aus mehr als 20 Nationen zusammen. Unterschiedliche Muttersprachen spielen dabei überhaupt keine Rolle. Es geht einzig um das Ereignis, um das Ereignen eines Kunstwerks, das natürlich eine gemeinsame Suche in den Partituren bedingt. Eine Suche, die einen unverwechselbaren Dialekt zeitigt, eine gemeinsame klingende Identität finden lässt, welche unverkennbar ist.

wenn man nicht weiß, was man nicht weiß, kann man nicht danach fragen,
heißt es auf einer Einsichtskarte der Dichterin Elfriede Gerstl. Unwissenheit schützt nicht vor Kultur, auch nicht vor Heimat. Kultur hat viel mit dem Boden zu tun, auf dem wir leben. Heimat auch. In unserem Fall ist unser Kulturland lange grundbevölkert durch Ingredienzien wie Weihrauch, Walzer, Gabel, Löffel und Messer, griechischer Wein von Udo Jürgens und Grüner Veltliner aus dem Burgenland, Bruckners Sinfonienmassive und Schachtelsätze von Thomas Bernhard, Kirchen in jedem Ort, vierkantige Bauernhöfe, Most und flügelverleihende Energiegetränke, die ich genau so wenig mag wie Lieder aus dem Musikantenstadl, aber es hilft nichts. – Sie gehören zu uns, wie die Wurzeln unserer Blasmusik, die sich bei den Jantischaren finden. Wie Bruckners Orgelspiel, das in den Wänden der Basilika von St. Florian eingebrannt ist: Das einst Hörbare ist völlig lautlos da, die Kultur, die Heimat – wenn auch nicht allen Menschen ungehindertes Aufenthaltsrecht zugestanden wird. Kultur gibt uns bei aller Wandelbarkeit festen Grund, klare Ausgangspunkte zum Aufbrechen ins Offene, Heimat.

Dem Bruckner Orchester Linz ist seine Identität im Namen eingeschrieben. Einschreibungen nützen nichts, wenn sie nicht von neuem gelesen werden, wie Partituren, deren Notationen, Zeichen ewig befragt werden müssen, um das Kunstwerk zu entschlüsseln. Markus Poschner und das BOL sind dem auf der Spur. Der Bruckner tanzt und singt höchst ungeniert wie zu Hause, von wo er kommt. Wir kommen von dort. Ich weiß nicht, was es bedeuten soll, aber hören wir nicht auf, danach zu fragen und vor allem zuzuhören. Das ist Heimat.

ZUM ORCHESTERBUCH 2018.19

Wednesday, May 09, 2018

ANKOMMEN


Reisen heißt ankommen, hat ein kluger Mensch gesagt. 

Was wir in unserer zehntägigen Konzertreise durch das Vereinigte Königreich erlebt haben, ist schwer zu beschreiben. Wir sind in sechs schottischen und englischen Städten angekommen, haben unsere Instrumente ausgepackt und sind mit Sinfonien von Gustav Mahler, Anton Bruckner und Wolfgang Amadeus Mozart beim Publikum angekommen. 

Die Resonanz - auch in der schottischen, englischen und österreichischen Presse - ist schlichtweg überwältigend. Mit und in der Musik lösen sich Grenzen auf, Ortsüblichkeiten und sonstige Barrieren verschwinden. Auch wenn unsere fantastischen Orchesterwarte manch steile Rampe zu überwinden hatten, um die Instrumente, Pulte und Frackkisten in die Innenräume der Konzerthäuser zu schaffen. Und es soll nicht verschwiegen werden, dass die knapp aufeinanderfolgenden Aufführungen von derartigen Symphoniemassiven wie es eben die Zweite von Mahler ist, viel Kondition, Ausdauer und Disziplin erfordern. 

Doch bringt so eine Reise mit sich, dass man in immer tiefere Schichten dieser klingenden Landschaften vordringt, sie kennenlernt und somit sich selber. Obendrein wenn man so einen inspirierenden Reiseleiter wie unseren Chefdirigenten Markus Poschner um sich wissen darf. Und einen solchen wie unseren Orchestermanager Oliver Deak, der gemeinsam mit Christiane Bähr für einen reibungslosen logistischen Ablauf (vor)gesorgt hat. Reisen heißt aber auch, sich seines Ursprungs, seiner Klangidentität bewusster zu werden und diese immer mehr zum Klingen, zum Ausdruck zu bringen. In der Musik kommt man ohnehin nie an, nur für den Moment. Das Suchen und Finden beginnt jedes Mal von neuem. Man kommt immer wieder an. Und trotzdem verschieben sich die Ausgangspunkte und Perspektiven. Wir sind wieder angekommen und gut in Linz. 

Die Klänge bleiben, auch wenn sie längst verklungen sind. 



Foto von Reinhard Winkler